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In der Wahrnehmungsfalle

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2021

 

Zumindest in einem Punkt gleichen sich Labor und Gesellschaft: Ein Konsens über die Bedeutung der Befunde ist essenziell

Text: Stephan Wilk

Stellen Sie sich vor, Ihr Partner hat es sich zur Gewohnheit gemacht, tagsüber häufig Textnachrichten zu schreiben oder anzurufen, mit der Frage, wo Sie seien und was Sie gerade täten. Durch die Aufmerksamkeit, die Ihnen damit zuteil würde, fühlten Sie sich vielleicht umsorgt, wertgeschätzt oder sogar geliebt. Es ist jedoch nicht nur denkbar, sondern höchst wahrscheinlich, dass eine andere Person, die mit ähnlichen Verhaltensmustern konfrontiert ist, keine treusorgende Liebe wahrnimmt, sondern sich eher kontrolliert und am Ende gar verletzt fühlt.

Somit drängt sich die Frage auf, sind die Menschen darin einig, was ihnen das Gefühl gibt, wertgeschätzt und behütet zu werden? Die Frage ist aktuell, denn viele politische Strömungen werden heute von Menschen getragen, die sich eben nicht wertgeschätzt, sondern zurückgelassen fühlen.

Es ist schwer, hier einen Konsens herzustellen, und man wird immer nur von Annäherungswerten sprechen können. Absoluter Konsens in einer Gemeinschaft würde ja voraussetzen, dass sofort eine übereinstimmende Meinung zustande kommt, sobald bei nur einem Mitglied das Bedürfnis entsteht, vor einer Gefahr geschützt zu werden.

Die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist Ansatzpunkt vieler Diskussionen. Das Verhältnis besteht darin, dass die beiden einander bedingen, das eine sich mithilfe des anderen entwickelt – der Einzelne jedoch ein Lebewesen von realer Physis ist, während die Gesellschaft ein abstraktes Konstrukt bleibt. Daraus entsteht die Differenz. Es geht in dem Zusammenspiel also nicht nur um unterschiedliche ontologische Entitäten, es geht um verschiedene „Wahrheiten“, die in dieser „Wahrnehmungskluft“ ständig entstehen, trotz des Zusammenschlusses der einzelnen „lebendigen“ Mitglieder zur Kooperation. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, dass es mit der viel beschworenen Kooperation nicht weit her ist, und spätestens seit den Erfahrungen in der Coronakrise ahnen wir, dass es mit einem Plädoyer allein nicht getan ist. Das Bedürfnis, geschützt zu werden, ist in solchen Phasen intensiv, das Gefühl, individuell verwundbar zu sein, herrscht vor und drängt rationale Überlegungen zurück. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden in diesem Klima schnell zu Meinungen. Dazu kommt die in vielen westlichen Demokratien selbstverständliche Anspruchshaltung, der Staat sei dazu da, seine Bürger vor Unheil zu schützen.

Aber Einigkeit darüber, welche Maßnahmen der Staat ergreifen darf, um diesem Anspruch zu genügen, besteht keineswegs – und auch nicht darüber, mit welchen Mitteln sie herzustellen wäre. Höherer Druck auf die Bevölkerung führt zur weiteren Segmentierung der Bürger. Partialinteressen und krude Ideologien treten lärmend hervor und hinterfragen die Legitimität der Grundlagen dieser Entscheidungen. Was könnte Abhilfe schaffen? Welche Instanzen kommen als brückenbildende Vermittler infrage? Eine wichtige Rolle spielen die Wissenschaftskommunikation und die Meinungsgesellschaft, weil sie zur „Fabrikation des Wissens“ beitragen und „Wahrheiten“ produzieren.

Gerade weil die Wissenschaft an den Grenzen der Logik endet und weil kein Einzelner auf einen Schlag weiß, was wir als Gesellschaft wissen, also jeder in der „Wahrheit“ seines individuellen Wissensstands lebt –, gerade deshalb dürfen wir uns in den bangen Momenten unseres Lebens auf das am wenigsten Schädliche und somit Zweckmäßigste verlassen, über das wir verfügen: den wissenschaftlichen Konsens, der still und leise einen Ausgleich schafft zwischen verschiedenen „Wahrheiten“.

 

Illustration: Laura Junger

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