„Das ist der erste Schritt“
XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2025
Die xtra im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. hc. Christian Haass, Molekularbiologe und Leiter des Lehrstuhls am BMC an der LMU München, der schon seit über 35 Jahren zur Alzheimer-Krankheit forscht, über den aktuellen Stand und den Ausblick in die nahe Zukunft
Herr Prof. Haass, Sie gelten als Pionier der Alzheimer-Forschung, wie sehen Sie die generelle Entwicklung in diesem Forschungsfeld?
Dem Arbeitsgebiet wird oft vorgeworfen, dass man nun schon seit 30 oder 40 Jahren gearbeitet und keinerlei Fortschritte gemacht habe. Dass man die Mechanismen nicht verstanden hätte und deswegen umdenken müsse. Das verstehe ich nicht so! Es gab Schwierigkeiten in der klinischen Forschung – dass Medikamente in Studien nicht funktioniert haben. Daraus wurde schnell gefolgert, dass die grundlegenden Mechanismen, wie sie von uns und zahllosen Kollegen im In- und Ausland erforscht wurden, so nicht stimmen. Das ist aber völliger Unsinn, das Scheitern klinischer Therapiestudien hatte völlig andere Ursachen. Und wir haben jetzt ein Medikament, das genau diese Mechanismen der Erkrankung angreift und den Gedächtnisschwund sichtbar verlangsamt. Das ist schon ein großer wissenschaftlicher und klinischer Durchbruch, aber am Ziel sind wir sicherlich noch nicht.
Wie beurteilen Sie die Zulassung des neuen Antikörpers?
Was es aktuell gibt, ist noch nicht die Ultima Ratio, aber das ist der erste, entscheidende und notwendige Schritt, mit dem man dann starten kann, um ein wirklich gutes Medikament zu entwickeln. Schauen Sie sich die Krebsmedikamente an, von denen viele inzwischen sehr gut funktionieren. Aber bis die im täglichen Betrieb ordentlich weiterentwickelt wurden, hat es lange gedauert. Viele Ansätze funktionierten in Tiermodellen, aber nicht im Patienten, und es gab oft schwere Nebenwirkungen. Dann muss man herausfinden, wann ein Medikament gegeben werden kann, um die optimale Wirkung zu erzielen, und wie viel man davon geben soll. Wann man es wieder absetzen sollte und so weiter. Das wird alles noch dauern.
Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass nur sehr wenige Betroffene von der neuen Immuntherapie profitieren?
Das ist Unsinn! Aktuell sind zwar rund 90 Prozent aus dem Therapiefenster draußen. Aber das bleibt ja nicht so! In der Zukunft, wenn man das Medikament und die Diagnose gut im Griff hat, sieht das ganz anders aus. Dann wird man einen großen Teil der Patienten behandeln können. Momentan muss der Antikörper noch in extrem großen Mengen ins Blut gegeben werden, damit überhaupt ein kleiner Teil im Gehirn ankommt. Das liegt daran, dass der Antikörper vergleichsweise groß ist und die Blut-Hirn-Schranke entsprechend schwer überwinden kann. Die hohen Antikörpermengen im Blut aber sammeln sich in den feinen Verästelungen der Blutgefäße im Gehirn an. Das scheint das große Problem zu sein mit den Nebenwirkungen, etwa Hirnschwellungen und -blutungen. Neue Entwicklungen gehen dahin, Moleküle, also auch Antikörper, mit einer Art Shuttle-System leichter über die Blut-Hirn-Schranke zu bringen. Dadurch muss man deutlich weniger von dem Antikörper verabreichen und er geht drastisch besser ins Gehirn. In den ersten klinischen Studien zeigten die Patienten auch deutlich weniger Nebenwirkungen.
Welchen Stellenwert bekommt damit die Früherkennung?
Man muss wissen, dass die Krankheit bereits etwa 20 Jahre, bevor überhaupt die ersten Symptome auftreten, beginnt. Das hängt mit der Amyloid-Kaskade zusammen, die in den letzten Jahrzehnten im Detail erforscht wurde. Wenn diese einmal angestoßen ist, dann läuft sie mehr oder weniger von allein weiter. Das bedeutet, man müsste möglichst zehn Jahre, bevor Symptome sichtbar werden, den Beginn der Kaskade stoppen oder alternativ neue Medikamente gegen weitere Zielmoleküle entwickeln, die später eingreifen, wie etwa gegen die Tau-Proteine. Es gibt jetzt zuverlässige Biomarker, anhand derer man die Krankheit schon sehr früh und sehr sicher feststellen kann, und ich glaube, dass das die Zukunft sein wird.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Frühdiagnostik über Blutmarker?
Die Blutmarker sind jetzt da, und hier wird sich in den nächsten Jahren sehr viel tun. Ich glaube, dass der Bluttest entscheidend sein wird. Die PET kostet in der Klinik mehrere Tausend Euro pro Patient. Das wird auf Dauer mit den Bluttests sicherlich deutlich günstiger werden. Das geht in die Richtung, da bin ich recht optimistisch.
Welche Biomarker spielen sonst noch eine Rolle?
Es gibt eine ganze Reihe verschiedener Biomarker. Man kann in der Zwischenzeit zum Beispiel auch feststellen, in welchem Umfang die Immunzellen aktiviert sind. Das korreliert sehr stark mit dem Krankheitsverlauf. Daran arbeiten wir bei mir im Labor gerade, und das wird ein weiterer ganz wichtiger Punkt werden. Wir sind jetzt so weit, dass wir die Pathologie entfernen können. Ist die Behandlung positiv verlaufen, gehen die Immunzellen wieder in den Ruhezustand über. Das heißt, das Gehirn ist wieder einigermaßen im Normalzustand. Das könnte man sehr schön mit einem entsprechenden Biomarker nachweisen.
Wo geht die Reise hin?
Es gibt jetzt eine solide Basis. Und ein wichtiger Schritt wird nun sein, klar herauszubekommen, wann das beste therapeutische Fenster ist. Sprich, zu welchem Zeitpunkt das Medikament am besten gegeben wird! Im Moment gibt man das Medikament, wenn die Amyloid-Pathologie schon da ist. Wir wissen, dass der Effekt am größten ist, wenn Amyloid da ist, aber noch keine Tangles. Hier wäre es gut, wenn sich das präziser feststellen ließe. Auch ist das Medikament im Moment nur gegen die Stufe 1 der Kaskade gerichtet. Wenn wir Stufe 2 oder 3 auch unterbinden könnten, dann könnten wir Patienten, die schon aus dem Fenster für die Immuntherapie rausgerutscht sind, ebenfalls behandeln. Toll wäre auch, wenn es möglich wäre, Doppelbehandlungen mit zwei unterschiedlichen Medikamenten durchzuführen, um die Kaskade wirklich komplett zu unterbrechen. Dahin geht wohl die Zukunft!
KOSTENGÜNSTIG, NICHT INVASIV UND SEHR GENAU
Weitere Vorteile liegen auf der Hand: So ist die erforderliche Blutentnahme vergleichsweise einfach durchzuführen und kann auch in der Hausarztpraxis erfolgen. Für Patientinnen und Patienten ist eine Blutentnahme deutlich weniger belastend als eine Liquorpunktion. Darüber hinaus ist der HISCL-Alzheimer-Bluttest kostengünstiger als etwa ein Amyloid-PET. Vor allem aber sind auch die Ergebnisse beeindruckend genau. Bei der Messung mit dem automatischen Immunoassay-System konnte eine erstaunlich hohe Vorhersagegenauigkeit von fast 90 Prozent (AUC 0,895) erzielt werden. Das sind ähnlich hohe Werte, wie sie mit dem Amyloid-PET und der Liquordiagnostik erreicht werden.
FACHWELT BEFÜRWORTET DIE FORTSCHRITTE BEI DEN ALZHEIMER-BLUTTESTS
Auf der renommierten Fachveranstaltung „Frühe Diagnostik und neue Therapien der Alzheimer-Krankheit“ des Netzwerks Nationale Demenzstrategie, die Ende 2024 in Berlin stattfand, wurden – neben anderen Themen – auch die neuesten Entwicklungen bei den Alzheimer-Bluttests diskutiert. „Vieles spricht dafür, dass wir perspektivisch mit einem einfachen Bluttest unkompliziert und schnell eine Alzheimer-Krankheit in sehr frühen Stadien diagnostizieren können“, erklärte Prof. Dr. Agnes Flöel, DGN-Vertreterin und Referentin der gemeinsamen Veranstaltung zur Diagnostik und Therapie der Alzheimer-Krankheit von DGPPN und DGN in der dazugehörigen Pressemeldung. „Jeder Verdachtsfall könnte dann schnell und unkompliziert abgeklärt werden, womöglich schon in der Hausarztpraxis.“
