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Das Blutbild

Ein Universum voller unbegrenzter Möglichkeiten

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2025

Das Blutbild ist eine der ältesten diagnostischen Methoden der Medizin und bietet ein enormes Potenzial, das noch längst nicht vollständig ausgeschöpft ist.

Dank moderner Fluoreszenz-Durchflusszytometrie können auf den Systemen der XN/XR-Serie Größe, Komplexität, Reifegrad, Aktivität und molekulare Zusammensetzung der Zellen in bis zu 300 verschiedenen Signalen pro Messung erfasst werden. Werden diese Signale mithilfe intelligenter Algorithmen miteinander verknüpft, liefern sie wertvolle Hinweise für die Diagnose und Prognose unterschiedlichster Erkrankungen.

Das Blutbild ist heute kein einfacher Laborwert mehr – es ist ein Schlüssel zu einer besseren Medizin.

Unterscheidung von reaktiven und neoplastischen Erkrankungen

Der DIFF-Kanal des XN/XR-Analysers misst den RNA-Gehalt im Zytoplasma der Zellen, indem die Fluoreszenzintensität ausgewertet wird. Das gibt einen guten Einblick, wie aktiv die Zellen gerade sind. Im sogenannten WPC-Kanal (White Progenitor and Pathological Cells) wird das Fluoreszenzsignal mit dem DNA-Gehalt im Zellkern korreliert und gibt Informationen zum Reifegrad der Zellen. Durch die Kombination der beiden Messungen können reaktive von neoplastischen Zellveränderungen unterschieden werden. Neueste Studien zeigen, dass, wenn die typischen Muster der Scattergramme mit intelligenten Algorithmen ausgewertet werden, mit mehr als 90-prozentiger Genauigkeit verschiedene hämatologische Erkrankungen unterschieden werden können

Infektionen und Entzündungen – wie erkennt man den Unterschied?

Der menschliche Körper ist wie eine komplexe Festung, die ständig gegen krank machende Eindringlinge verteidigt wird. Verschiedene Erreger – Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten – können angreifen, und das Immunsystem reagiert mit spezifischen Strategien. Dabei werden unterschiedliche Immunzellen aktiviert, die charakteristische Muster in den Scattergrammen erzeugen.

Gerät die Immunreaktion gegen den Erreger außer Kontrolle, kann das in einen lebensbedrohlichen Zytokinsturm und eine Sepsis münden – ein Kampf, bei dem das eigene Immunsystem zum Feind wird. Aber auch Verletzungen oder Gewebeschäden nach Operationen können diese Reaktion auslösen, ganz ohne Erreger. Dieses Phänomen nennt man SIRS (systemisches Entzündungssyndrom). Bei ähnlichen Symptomen ist es oft schwierig, SIRS von Sepsis zu unterscheiden, doch diese Unterscheidung ist entscheidend, da die Behandlungsansätze unterschiedlich sind.

Infektionen frühzeitig erkennen – noch bevor andere Parameter anschlagen

Klassische Laborwerte wie CRP oder PCT steigen bei Infektionen oft erst verzögert an. Das Blutbild kann anhand der Scattergramme jedoch schon in den ersten Stunden Unterschiede in der Immunreaktion erkennen und so Hinweise geben, ob es sich um eine virale oder eine bakterielle Infektion handelt. Zudem unterstützt der Intensive Care Infection Score (RUO*), kurz genannt ICIS, die Differenzierung zwischen SIRS und Sepsis durch die Zusammenführung mehrerer Blutwerte in einem ausgeklügelten Algorithmus. Studien belegen, dass der ICIS (RUO*) zuverlässig zwischen beiden Zuständen unterscheiden kann. Erste Erfahrungen von Intensivmedizinern zeigen zudem, dass der Score die Entscheidung für oder gegen Antibiotika verbessern kann.

Prof. Dr. Mathias Zimmermann (Ärztlicher und Wissenschaftlicher Leiter des ATOS Labors Berlin) hat kürzlich eine Studie zu ICIS durchgeführt und fasst die Ergebnisse zusammen: „In unserer Patientenkohorte kann ICIS* mit großer Genauigkeit bakterielle Infektionen bei Patienten auf der Intensivstation erkennen – besser als PCT, CRP und IL-6.“

Prof. Dr. Christian Hönemann (Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Marienhospital Vechta) ist Intensivmediziner und arbeitet seit etwa zwei Jahren mit dem Score. Für ihn bedeutet das eine Verbesserung seiner medizinischen Arbeit. Er berichtet: „ICIS* ist eine Revolution! Besonders nach Operationen ist er den anderen Parametern wie PCT und CRP überlegen. Ich kann die Antibiotikagabe anhand von ICIS* steuern und setze dadurch etwa 50 Prozent weniger Reserve-Antibiotika ein.“

Eisenmangel erkennen, wenn andere Parameter noch schweigen

Anämien und Eisenmangel sind häufig, werden aber, vor allem in akuten Situationen, oft übersehen, wenn die klassischen Parameter durch Entzündungen verfälscht sind und einen echten Eisenmangel verschleiern können.

Hier kommt RET-He ins Spiel: Das Retikulozytenhämoglobin zeigt, ob dem Knochenmark aktuell Eisen für die Erythropoese zur Verfügung steht – sogar bei akuten oder chronischen Entzündungen. Und noch ein großer Vorteil: RET-He steigt schon innerhalb von zwei bis drei Tagen, wenn eine Eisentherapie anschlägt – selbst bei akuten Krankheiten, Operationen oder Tumoren.

Das ist schon lange bekannt und in vielen Leitlinien fest verankert: Ein RET-He-Wert unter 28 pg ist ein klares Zeichen für eine eisenmangelbedingte Erythropoese. Dr. Nobert Ostendorf (Laborleiter Franziskus-Hospital in Münster) hat hierzu eine klare Meinung: „RET-He spiegelt die Eisenversorgung der Erythropoese in Echtzeit wider und entspricht in der Aussage der Transferrinsättigung, allerdings mit weniger Störfaktoren. Deshalb eignet es sich sehr gut zur Abgrenzung von Eisenmangel, Entzündungsanämie und Mischformen. Retikulozytenzahl und RET-He sind außerdem ideale Parameter für die Erfolgskontrolle einer Anämiebehandlung.“

Thrombozyten – mehr als nur Gerinnung

Unreife Thrombozyten sind wahre Multitalente in der Diagnostik. Dank eines größeren Volumens, eines höheren Gehalts an Zellorganellen und eines erhöhten RNA-Gehalts im Zytoplasma können sie im PLT-F-Kanal der XN/XR-Serie erkannt und gemessen werden. Dabei sind der IPF-Wert – der Anteil der unreifen Thrombozyten im Verhältnis zur Gesamtzahl – sowie der IPF# – die absolute Zahl – wichtige Parameter.

Das Spannende daran: Diese Parameter verraten viel über den Zustand von Knochenmark und Blutgerinnung! Eine erhöhte Anzahl deutet auf ein aktives Knochenmark hin, was beispielsweise bei der Ursachenforschung chronischer Immunthrombozytopenien (ITP) hilfreich ist.

Ein hoher IPF-Wert spricht für ein Defizit in der Peripherie. Ist er niedrig, könnte das auf eine aplastische Anämie hinweisen. Studien haben noch viel mehr gezeigt: Der IPF-Wert unterstützt bei der Beurteilung, wie schnell sich das Knochenmark nach einer Stammzelltransplantation erholt, bei der Einschätzung von Blutgerinnung und Blutungsneigung sowie bei der Entscheidung für den Einsatz von Thrombozytenkonzentraten.

Zukünftig könnte der IPF-Wert auch bei Herzkrankheiten eine größere Bedeutung erlangen: Unreife Thrombozyten sind aktiver und eng mit der Bildung von Blutgerinnseln verbunden – etwa bei Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Eine Studie im Universitäts-Herzzentrum Freiburg, Standort Bad Krozingen, hat bei mehr als 17.000 Herzerkrankten IPF-Werte gemessen. Laut Dr. med. Alexander Kille (Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Notfallmedizin) ist das bisherige Fazit: „Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen IPF% und IPF# mit der 3-Jahres-Mortalität.“

Bereits frühere Forschungsergebnisse zeigten, dass ein IPF-Wert über 3,6 Prozent ein Warnsignal ist – ein Indikator für ein erhöhtes Risiko weiterer thrombotischer Ereignisse bei Herzpatientinnen und -patienten, die einen Stent erhalten oder einen Herzinfarkt erlitten haben.

Der unterschätzte Schatz – bereit, gehoben zu werden

Das moderne Blutbild ist schnell, kostengünstig und immer verfügbar. Doch sein wahres Potenzial wird in der klinischen Praxis bislang nur selten genutzt. Die Technologie ist vorhanden. Die Algorithmen sind vorhanden. Die Möglichkeiten, präziser zu diagnostizieren und individueller zu therapieren, sind da. So kann das Labor helfen, die behandelnden Ärztinnen und Ärzte bei der schnellen, präziseren Diagnose und der Auswahl der richtigen Behandlung zu unterstützen.

„Seitdem ich mit den erweiterten Blutbildparametern arbeite, mache ich eine bessere Medizin. Ich kann mehr Menschenleben retten. Diese Parameter haben ein unglaubliches Potenzial für die Diagnostik. Ich danke dem Labor, dass es mich dabei unterstützt“

PROF. DR. CHRISTIAN HÖNEMANN | Leiter Anästhesiologie und Intensivmedizin Marienhospital Vechta
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