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HbA1c

Laborwert mit steigender Nachfrage

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2025

Mit der Diabetes-Inzidenz erhöht sich auch die Zahl an HbA1c-Messungen. Wie das LKH Hochsteiermark dem Diabetes-Peak mit innovativer Technik begegnet und warum der Parameter immer ganzheitlich betrachtet werden sollte – zwei Experten berichten

Text
Verena Fischer

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Fabian Weiß

Der westliche Lebensstil hat Folgen – auch für Labore: „Derzeit sind in Österreich 800.000 Menschen an Diabetes erkrankt. Bis zum Jahr 2040 wird von mehr als einer Million Betroffenen ausgegangen“, bestätigt Prim. Priv. Doz. Dr. Dietmar Enko, der seit sechs Jahren das Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik am LKH Hochsteiermark leitet – einem Lehrkrankenhaus der Medizinischen Universitäten Graz und Wien. „Die Analysefrequenz von HbA1c steigt seit Jahren deutlich an“, sagt er.

Die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) warnt, dass es eine hohe Dunkelziffer gebe, was die Dringlichkeit von frühzeitiger Erkennung und Prävention unterstreiche. Die Fachleute verweisen dabei auf aktuelle Daten von 3.000 in österreichischen Krankenhäusern Behandelten. Die HbA1c-Werte der Probanden belegen, dass mehr als jeder Zweite an Diabetes oder einer Vorstufe davon litt, teilweise ohne davon zu wissen. Die flächendeckende, routinemäßige Bestimmung des HbA1c-Wertes bei Spitalsaufnahmen müsse zur Routine werden, wenn die Versorgungslücken geschlossen und Folgeerkrankungen verhindert werden sollen, kommentiert ÖDG-Präsident Prof. Dr. Peter Fasching.

Das Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik am LKH Hochsteiermark ist für eine mögliche, routinemäßige Bestimmung seit Anfang 2025 bestens gewappnet. Denn Dr. Enko und sein Laborteam haben ihr XN-3000-System im Januar gegen die XR-9000-Analysestraße ersetzt sowie in das neue HbA1c-Messgerät Tosoh G11 investiert, das sich problemlos in die Analysestraße integrieren lässt. Der Laborleiter berichtet: „Wir haben bereits seit einigen Jahren mit dem Vorgängermodell Tosoh G8 gute Erfahrungen bei der HbA1c-Bestimmung mithilfe von High-Performance-Liquid-Chromatographie (HPLC)-Methode gesammelt. Diese Messung nun mit dem Nachfolgemodell nahtlos in die Hämatologiestraße integrieren zu können, überzeugte daher sofort.“ Die Verifizierungsdaten des Tosoh G11 bestätigten die hohe Präzision des Geräts, und so konnte, mit Inbetriebnahme der Hämatologiestraße, die HbA1c-Analytik für den Routinebetrieb freigegeben werden.

ERSTE ERFAHRUNGEN MIT DEM SYSTEM 

Enko leitet ein 24-Stunden-Großraumlabor. Er erläutert: „Die Diabetes-Ambulanz unseres Klinikums umfasst ein großes Einzugsgebiet, weswegen die HbA1c-Bestimmung viel Zeit in Anspruch nahm.“ Die neue Straßenlösung ermögliche eine Abarbeitung der HbA1c-Analysen aus EDTA-Blut binnen kurzer Zeit sowie die Detektion von Hämoglobinvarianten mit hoher Präzision, wie eine Verifizierung bestätigt hat. „Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird die Integration der HbA1c-Analytik in die Hämatologiestraße gut angenommen“, sagt er. Denn die neue Lösung erspare dem Personal viel Arbeit und sorge im hektischen Routinebetrieb für spürbare Entlastung. „Bis dato sind keine Probleme aufgetreten“, schließt der Facharzt für Medizinische und Chemische Labordiagnostik sowie Transfusionsmedizin.

WARUM DAS LABOR AUF HPLC SETZT

„Bereits vor mehreren Jahren hat unser Laborteam HbA1c-Immunoassays und HPLC-Assays verschiedener Hersteller miteinander verglichen“, berichtet Enko. Während dieser Demophase konnte gezeigt werden, dass bei HbA1c-Immunoassays häufiger hohe HbA1c-Werte messtechnisch nicht erfasst wurden und niedrige Hb-Werte mit Fehlermeldungen assoziiert waren. „Diese Evaluierungsergebnisse haben unsere Entscheidung für die HPLC-Methode untermauert.“ Er betont, dass diese nach wie vor Goldstandard der HbA1c-Bestimmung sei.

ANALYTIK AUF ZUKUNFTSKURS

Die Automatisierung der HbA1c-Analytik ist einer von mehreren Modernisierungsschritten, die in den vergangenen Jahren im Labor umgesetzt wurden. „Im Vordergrund standen die Konsolidierung und Modernisierung des gesamten Geräteparks mit gleichzeitiger Erweiterung des Analysenspektrums entsprechend den Anforderungen der jeweiligen klinischen Disziplinen“, fasst Dr. Enko zusammen. Insbesondere wurden ein PCR-Labor neu etabliert, das Institut um das mikrobiologische Labor erweitert, das zuvor am Institut für Pathologie in Leoben angesiedelt war, sowie zwei weitere Labore an den Standorten Bruck und Mürzzuschlag eröffnet. „Die Umsetzung der Akkreditierungsnorm ISO15189 war in den letzten Jahren sicherlich ein hilfreicher Beitrag zur Optimierung der Prozesse in einzelnen Fachbereichen des Labors.“ Er ergänzt: „Bei den personellen Ressourcen konnten wir sowohl im Bereich der Biomedizinischen Analytikerinnen und Analytiker als auch der Laborfachärztinnen und -ärzte qualifizierten Nachwuchs gewinnen. Die drei Vollausbildungsstellen für Laborfachärztinnen und -ärzte sind derzeit alle besetzt.“

DIGITALISIERUNGSSCHUB FÜR DAS LABOR

Im zweiten Halbjahr 2026 wird am LKH Hochsteiermark ein neues Laborinformationssystem eingeführt. Es sollen Point-of-Care-Testing (POCT)-Geräte außerhalb des Labors noch besser in das LIS integriert sowie die Vernetzung und der Informationsaustausch zwischen den Laboren einzelner Standorte optimiert werden. Enko: „In einem sich rasch wandelnden Gesundheits- und Gesellschaftssystem sind auch in unserem Labor permanente Adaptierungen notwendig. Die Ausbildung und Förderung des medizinischen Nachwuchses werden dabei oberste Priorität haben.“ Denn zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion blieben stets wesentliche Voraussetzungen für die Weiterentwicklung des Instituts, versichert er.

„HbA1c gern, aber bitte mit Verstand!“

Herr Dr. Ostendorf, der HbA1c-Wert wird in der Diabetes-Diagnostik als sogenanntes Langzeit-Blutzuckergedächtnis genutzt. Das klingt einfach. Gibt es Risiken oder Fehlerquellen, die man beachten sollte?

DR. OSTENDORF Absolut. Das HbA1 oder glykiertes Hämoglobin entsteht, wenn sich ein Hämoglobin- und ein Glukosemolekül zufällig verbinden. Dies hängt aber nicht allein von der Höhe des Blutzuckerspiegels, sondern auch von der Lebensdauer der Erythrozyten ab. Bei verkürzter Erythrozytenlebensdauer, etwa bei Blutungen, Hämolyse oder bestimmten Erkrankungen, kann das HbA1c falsch niedrig ausfallen, denn mit verkürzter Kontaktzeit sinkt auch die Chance der Anlagerung eines Glukosemoleküls. Auch der umgekehrte Fall, eine Verlängerung der Erythrozytenlebensdauer und damit ein falsch hohes HbA1c, ist möglich. Bei Eisenmangel wurde das untersucht: Wurde der Eisenmangel korrigiert, so sank das HbA1c.


DR. NORBERT OSTENDORF

Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Transfusionsmedizin im St. Franziskus-Hospital Münster. Seine Schwerpunkte sind Anämie-Diagnostik und Durchflusszytometrie. Besondere Freude hat er daran, aus der Kombination von Routinedaten neue Schlüsse zu ziehen


Können Sie konkrete Beispiele nennen, bei denen das HbA1c verfälscht sein könnte

DR. OSTENDORF Gern. Ich machte mit diesem Thema Bekanntschaft, als eine Ärztin aus der Klinik anrief und sich über einen HbA1c-Wert beschwerte: „Herr Kollege, ich habe hier einen 70-jährigen Diabetiker, der sich nicht um seine Blutzuckereinstellung kümmert, da würde ich ein HbA1c von 7 oder 8 Prozent erwarten, aber 5? Da kann was mit Ihrer Messung nicht stimmen.“ Bei der Ursachenforschung stellte sich heraus, dass dieser Patient eine Autoimmunerkrankung der Haut und eine Hämolyse mit deutlich erhöhter Retikulozytenzahl hatte, jedoch ohne Anämie. Gründe für eine verkürzte Erythrozytenlebensdauer sind nicht selten: hämolytische Anämie, Thalassämie, Sichelzellanämie oder Dialyse. In solchen Fällen wird das HbA1c höchstwahrscheinlich falsch niedrig. Auch bei regelmäßigen Blutspendern ist das HbA1c etwas niedriger. Es ist also wichtig, den Kontext zu kennen. Eine Auswertung meiner eigenen Daten zeigte, dass ab einer Retikulozytenzahl von 3,5 Prozent die Zahl der erhöhten HbA1c-Ergebnisse stark abnimmt.

Das klingt nach einer großen Herausforderung. Wie sollte man Ihrer Meinung nach vorgehen, um Fehldiagnosen zu vermeiden?

DR. OSTENDORF Es ist entscheidend, HbA1c nicht isoliert zu betrachten, insbesondere bei der Erstevaluation von Patienten. Ein kleines Blutbild, vor allem die Parameter MCV und MCH, kann bereits Hinweise auf Störungen der Erythrozyten geben. Eisenmangel ist zum Beispiel an der typischen mikrozytären, hypochromen Anämie erkennbar. Zudem sollte bei der Interpretation des HbA1c die Anamnese berücksichtigt werden – etwa Operationen, Blutspenden oder bekannte Erkrankungen, vor allem hämatologische Erkrankungen. Wenn das HbA1c unplausibel erscheint oder im Zeitverlauf Sprünge macht, die durch Therapiemaßnahmen nicht zu erklären sind, ist die Retikulozytenzahl eine gute Ergänzung, um die Erythrozytenlebensdauer abzuschätzen. Bei alten Menschen ist das HbA1c höher als bei jungen. Nach meiner Erfahrung findet man bei Patienten, die über 80 sind und ein HbA1c unter fünf Prozent haben, fast immer Hinweise auf einen Störfaktor.

Sie sprechen von der Bedeutung des Blutbilds. Wird das heute in der Praxis ausreichend berücksichtigt?

DR. OSTENDORF Leider nicht immer. Es ist bedenklich, dass den gültigen Leitlinien zufolge die Diabetes-Diagnose allein aufgrund des Ergebnisses einer HbA1c-Messung gestellt oder verworfen werden kann – Ausnahmen sind zum Beispiel Schwangere. Und es ist bedenklich, dass häufig das HbA1c nur noch isoliert, ohne begleitende Laborparameter, oder sogar vom Patienten selbst zu Hause gemessen wird, ohne etwa das Blutbild mit einzubeziehen. Dadurch entsteht ein Risiko, dass man falsche Schlüsse zieht.

Was empfehlen Sie Ärtzinnen und Ärzten und den Behandelten in diesem Zusammenhang?

DR. OSTENDORF Für Ärzte gilt: Das HbA1c sollte, insbesondere bei der Erstdiagnose, immer im Zusammenhang mit einem kleinen Blutbild und der Anamnese interpretiert werden. Bei unplausiblen Werten, besonders wenn sie zu niedrig sind oder wenn Sprünge im Verlauf auftreten, sollte eine Retikulozytenmessung erfolgen.

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