Neue Wege in der Hämostase-Diagnostik
XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2025
Erst im Mai hat Dr. Andreas Rechner auf der EuroMedLab in Brüssel über die klinischen Potenziale der Sysmex Automationslösungen am Fallbeispiel der Glanzmann-Thrombasthenie – einer seltenen, angeborenen Thrombozytenfunktionsstörung – gesprochen. Jetzt folgt mit der Einführung des Sysmex HISCL™ HIT-IgG-Reagenztests ein nächster Meilenstein für die Verknüpfung hämatologischer und hämostaseologischer Verfahren im Kontext von Störungen des Gerinnungssystems. Welche strategische Rolle Sysmex in der Hämostase-Diagnostik spielt, wie automatisierte Prozesse die Befundung seltener und komplexer Erkrankungen erleichtern und Automation das Denken im Labor hin zum Disease Management verändern kann, das hat xtra den Wissenschaftler gefragt.
Text
Verena Fischer
„Für die krankheitsorientierte Diagnostik braucht es integrierte diagnostische Pfade im Labor“
Im Interview erklärt der Hämostase-Experte, wie Sysmex Lösungen das Disease Management bei seltenen Erkrankungen des Gerinnungssystems unterstützen
Herr Dr. Rechner, was ist Ihre Vision für die Hämostase-Diagnostik der Zukunft?
Aktuell werden Laborbereiche oft noch separat betrachtet. Doch für eine ganzheitliche und vor allem effiziente Diagnostik braucht es einen gleichzeitigen Blick auf möglichst alle Vitalparameter. Indem wir hämatologische und hämostaseologische Verfahren zusammenführen, wollen wir – im Sinne einer krankheitsorientierten Diagnostik entlang integrierter, diagnostischer Pfade im Labor – einen echten Mehrwert für Praktizierende und Patienten erreichen. Denn synergistische Workflows können die Analytik beschleunigen und die klinische Entscheidungsfindung unterstützen. Die Relevanz für das Disease Management steht dabei im Mittelpunkt.
Aus diesem Grund hat Sysmex einen Assay für die HIT-Diagnostik entwickelt. Was ist HIT?
Eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Komplikation, die bei der Behandlung mit Heparin auftreten kann, welches etwa regelhaft nach Herzoperationen zum Einsatz kommt. Ursächlich für HIT ist eine Autoimmunreaktion gegen den Komplex aus Heparin und Plättchenfaktor 4. Bei Erkrankten kommt es zu einer unkontrollierten Blutplättchenaktivierung, die tiefe Beinvenenthrombosen, Lungenembolien oder Herzinfarkte verursachen kann. Rund 30 bis 40 Prozent aller Betroffenen sterben an HIT, weswegen eine zeitnahe Diagnostik von hoher Bedeutung ist.
Wie gestaltet sich bei HIT-Verdacht der diagnostische Pfad?
Wenn ein Patient Heparin bekommt und typische Symptome zeigt, dann wissen Kliniker, dass es HIT sein kann. Behandelnde fragen zuerst, wie viele Tage seit der ersten Einnahme von Heparin vergangen sind – im Fall von fünf bis zehn Tagen spricht das für klinisches HIT. Im Labor wird dann nach der Blutabnahme die Thrombozytenzahl bestimmt. Je mehr sich diese reduziert hat, desto wahrscheinlicher ist es HIT. Parallel erfolgt eine D-Dimer-Messung zur Abklärung einer Thrombose. Manchmal braucht es zusätzlich eine bildgebende Analytik, wenn eine Thrombose durch einen niedrigen D-Dimer-Wert nicht ausgeschlossen werden kann. Des Weiteren wird nach zusätzlichen Ursachen für Thrombozytopenien gescreent. Anschließend lässt sich beurteilen, ob die Wahrscheinlichkeit für HIT hoch, mittel oder niedrig ist. Jetzt kann der 4-Tʼs-Score ermittelt werden, der die Wahrscheinlichkeit einer klinischen HIT angibt. Liegt diese im mittleren oder hohen Bereich, erfolgt mittels HIT-IgG-Assay ein Nachweis von spezifischen Antikörpern im Blut. Fehlen diese, kann es definitiv kein HIT sein. Ist nun ein HIT-IgG-Assay auf einem Gerinnungsanalyser verfügbar, könnte das Labor die Messung bereits parallel zu den vorgenannten Bestimmungen durchführen und damit schneller dieses wichtige Resultat erhalten. Eine möglicherweise für den Patienten wichtige Zeitersparnis ist nun mit dem neuen Sysmex HISCL™ HIT IgG Testkit auf Sysmex CN-3500/6500 Geräten möglich. Sind HIT-Antikörper nachweisbar, bleibt unklar, ob es klinisches HIT ist. Denn zwei Drittel aller Herz-Kreislauf-Patienten, die Heparin nehmen, weisen den Antikörper auf, ohne dass es zur Erkrankung kommt. Für Klarheit sorgt ein im Speziallabor durchgeführter funktionaler Test.
„Für eine ganzheitliche Diagnostik braucht es einen gleichzeitigen Blick auf möglichst alle Vitalparameter“
Was sollten Labormitarbeiter über den neuen Sysmex HIT-IgG-Assay wissen?
Für den Einsatz dieses neuen Assays braucht es kein extra Gerät, was ein großer Vorteil ist. Die Messung lässt sich ganz einfach über die Gerinnungsanalyser CN-3500 und CN-6500 vollautomatisiert durchführen. Der Test basiert auf der Histo-Technologie, die auf der Enzym-Immunoassay-Technologie beruht, aber es werden Magnete eingesetzt. Es sind zwei Waschschritte integriert und fünf Reagenzien. Mittels eines Antigens werden Antikörper isoliert und durch eine chemielumineszente Reaktion sichtbar gemacht. Der Test erreicht eine Sensitivität von 100 Prozent und, im Vergleich zu anderen verfügbaren Assays, nachweislich die höchste Spezifität. Außerdem ist er sehr schnell. Innerhalb von lediglich 17 Minuten steht das Ergebnis. In der DACH-Region rechnen wir ab Ende des Jahres 2025 mit einer Zulassung.
Welche Chancen bringt die BloodScience Workcell für die Diagnostik von seltenen Erkrankungen des Gerinnungssystems?
Mit der BloodScience Workcell können EDTA- und Citrat-Röhrchen gleichzeitig auf eine Straße gebracht und ausgewertet werden, ohne dass es weitere Handgriffe braucht. Die Erkrankung HIT ist ein gutes Beispiel dafür, dass die kombinierte Diagnostik vorteilhaft ist. Aber auch bei Thrombozytenfunktionsstörungen oder einer Sepsis ist dies entscheidend. Mithilfe von Algorithmen lässt sich zusätzlich Zeit sparen, die gerade bei einer Sepsis manchmal lebensrettend sein kann. Sysmex hat etwa die digitale Plattform Extended IPU im Portfolio. Das ist eine Middleware, die Laborprozesse intelligenter und zielgerichteter steuert. Sie hilft besonders bei komplexen Erkrankungen dabei, kritische Patientenprofile frühzeitig zu erkennen, Diagnosen zu priorisieren und relevante Befundkonstellationen automatisiert aufzubereiten. Disease Pathways lassen sich so programmieren, dass sie automatisiert ablaufen, was lebensrettende Zeit spart.
Über Thrombozytenfunktionsstörungen hatten Sie kürzlich in Brüssel gesprochen, korrekt?
Genau, es ging um Glanzmann-Thrombasthenie – eine seltene erbliche Veränderung der Thrombozyten, die eine stark erhöhte Blutungsneigung zur Folge haben kann. Ein besonders erwähnenswerter Diagnosepfad startet mit der Blutanalyse im XN-System. Es folgen eine Routine- und Spezialgerinnungs-Diagnostik sowie eine automatisierte Plättchenfunktionstestung über das CN-System. Die abschließende Diagnose gelingt über eine Durchflusszytometrie. Die automatische Plättchenfunktionstestung stellt einen bedeutenden Fortschritt dar. Denn sie liefert reproduzierbare, standardisierte Daten zur Thrombozytenaktivität, zum Beispiel im Rahmen der Therapiekontrolle, und lässt sich nahtlos in den Routineworkflow integrieren. Dieser strukturierte Pfad erlaubt eine zielgerichtete, schnelle und präzise Diagnose und ist ein klarer Gewinn für Labore und Erkrankte.
Mit welchen Innovationen ist in naher Zukunft zu rechnen?
Aktuell erforschen wir, ob bestimmte Parameter aus der Hämatologie die Diagnostik der tiefen Beinvenenthrombose (TVT) verbessern können. Konkret geht es um die D-Dimer-Messung. Liegt der erhobene Wert über 0,5, beispielsweise bei 1, dann ist die Spezifität des Tests geringer als 50 Prozent. Das heißt, bei einem hohen D-Dimer braucht es eine bildgebende Diagnostik, um herauszufinden, ob eine TVT vorliegt. Wir prüfen beispielsweise gerade in Zusammenarbeit mit einem international renommierten Kooperationspartner, inwieweit sich die Aktivierung von Thrombozyten, Neutrophilen und Monozyten bei Menschen mit und ohne TVT unterscheidet. Wir hoffen, dass die kombinierte Erhebung von Zellaktivierungsmarkern mithilfe der Hämatologie die Spezifität von D-Dimer erhöhen kann und sich so Kernspintomografien reduzieren lassen. Denn CTs sind nicht nur teuer, sie gehen auch mit einer Strahlenbelastung für Patienten einher.
Welche Rolle spielt Sysmex generell in der Hämostase-Diagnostik?
Was die Technologien betrifft, sind wir führend. Mit der BloodScience Workcell, technischen Innovationen sowie der Extended IPU als Middleware können wir diagnostische Workflows in der Hämostase unterstützen. Mit der Erforschung neuer Zusammenhänge zwischen Laborparametern und Erkrankungen schaffen wir einen weiteren Mehrwert für Labore und Patienten.
Zusammenfassung
- Mit dem neuen HIT-IgG-Assay lassen sich relevante Antikörper hochspezifisch binnen Minuten nachweisen
- Die ganzheitliche Betrachtung aller Laborparameter kann die Befundung seltener Erkrankungen des Gerinnungssystems beschleunigen
