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Dem Eisenmangel auf der Spur

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2019

Die Parameter Hypo-He, RET-He und Delta-He sind hilfreiche Marker in der Anämiediagnostik. Zwei Standpunkte aus Klinik und Labor über den Einsatz der Parameter als Monitoring-Tool für die Eisenversorgung des Knochenmarks

„Ein neuer zellbasierter Biomarker“

Delta-He ist ein nützlicher Parameter – nicht nur für Eisenmangel, erklärt Priv.-Doz. Dr. Mathias Zimmermann, Facharzt für Laboratoriumsmedizin und Chefarzt der „Zentralen Abteilung für Labormedizin“ der DRK Kliniken Berlin

Herr Dr. Zimmermann, welche Bedeutung sehen Sie persönlich im Retikulozyten-Hämoglobin-Äquivalent?

Das RET-He ist aus meiner Sicht ein sehr guter Biomarker für die Eisenversorgung der Erythropoese. Er hat mittlerweile eine zentrale Bedeutung in der Eisenstoffwechsel-Diagnostik bekommen und sich als fester Routineparameter etabliert. Er gibt dem Kliniker einen sehr guten Überblick, ob der Patient gerade einen beginnenden Eisenmangel hat oder nicht. Und noch dazu ist dieser Parameter hochgradig standardisiert und lässt sich rund um die Uhr sehr schnell und kostengünstig messen. Daher wird er auch sehr häufig angefordert, vor allem von internistischen Stationen, von Gynäkologie, Pädiatrie, aber auch chirurgischen Stationen, die vor einer OP eine Anämie abklären wollen. Da will man einfach sehen, ob das Knochenmark im Hinblick auf die Erythropoese gerade funktioniert.

Das Delta-He ist ein weiterer Parameter, der noch etwas weniger bekannt ist als das RET-He. Welche Aussagekraft schreiben Sie diesem Parameter zu?

Das Delta-He ist ein neuer zellbasierter Biomarker, der mit der XN-Retikulozytenmessung erhoben wird. Man muss fachlich etwas weiter ausholen, um seinen Nutzen zu erklären: Wenn Bakterien in unseren Körper gelangen und eine Entzündung auslösen, laufen Millionen Jahre alte Prozesse ab, die eigentlich bei allen Lebewesen ähnlich gestrickt sind. Bestimmte Zytokine, also Botenstoffe des Immunsystems steigen an, so wie beispielsweise Interleukin 6. Dieses erste unspezifische Alarmsignal löst wiederum verschiedene Reaktionen aus und infolgedessen kommt es zu einem Anstieg an Hepcidin, einem Akute-Phase-Protein. Das Hepcidin sorgt dafür, dass  Eisentransportproteine auf der Zelloberfläche internalisiert werden.

Dies bedeutet, dass das Eisen in den Zellen weggeschlossen wird und so lange nicht mehr im Blut ist, bis Hepcidin wieder abfällt. Dies ist ein Schutzmechanismus unseres Körpers, um eingedrungenen Bakterien das Eisen zu entziehen, das für ihre Entwicklung benötigt wird. Es steht dann allerdings auch nicht mehr ausreichend für die Erythropoese zur Verfügung. Die Folge ist, dass der Retikulozyt kleiner und der Delta-He-Wert negativ wird, weil die Hämoglobinkonzentration in den reifen Erythrozyten diejenige der jungen Retikulozyten übersteigt. Normalerweise ist das umgekehrt. Ist der Infekt bekämpft, sinkt die Hepcidin-Expression, und die Eisentransporter kommen wieder auf die Zelloberfläche, sodass Eisen aufgenommen werden kann und auch der Erythropoese wieder zur Verfügung steht – der mit Eisen gefüllte Retikulozyt wird größer als der reife Erythrozyt, und das Delta-He wird wieder positiv.

Und welche Bedeutung besitzt der Delta-He-Wert in diesem Zusammenhang?

Delta-He ist die Differenz zwischen dem Hämoglobingehalt der neu gebildeten Retikulozyten (RET-He) und dem Hämoglobingehalt der reifen Erythrozyten (RBC-He). Das Delta He, das normalerweise bei gesunden Menschen positiv ist und zwischen + 2 pg und + 8 pg liegt, wird innerhalb weniger Stunden negativ, wenn ein Eisendefizit vorliegt. Wenn der Del ta-He-Wert plötzlich negativ ist, kann man vermuten, dass der Patient höchstwahrscheinlich eine Akute-Phase-Reaktion hat oder vielleicht eine Sepsis entwickelt. Bei einer Sepsis kann das Delta-He schnell mal Werte von - 4 pg, - 6 pg oder - 8 pg annehmen. Bei erfolgreicher Therapie, wenn Medikamente ansprechen und die Entzündung blockiert wird, kann man am Delta- He schnell sehen, dass das Knochenmark wieder genug Eisen bekommt, und Delta-He wird wieder positiv. Bei einer Eisenmangelanämie ist keine Negativierung des Delta-He zu erwarten. Solange die entzündliche Komponente fehlt, ist das Verhältnis der Hämoglobinkonzentration von Retikulozyt zu Erythrozyt nicht pathologisch ausgelenkt, sodass hier ein positiver Wert zu sehen ist. Erst wenn eine Entzündung hinzukommt, negativiert sich der Wert.

Heißt dies, dass Delta-He auch eine Rolle im Monitoring spielen könnte?

Auf jeden Fall. Und man könnte die Parameter Delta-He und RET-He in Kombination auch gut in einem diagnostischen Plot nutzen – mit RET-He auf der y-Achse und Delta-He auf der x-Achse. Man teilt hier in neun Felder ein und kann dann auf einen Blick sagen, ob der Patient eine entzündliche Erkrankung hat, einen Eisenmangel oder eine Thalassämie, ähnlich dem sogenannten „Thomas-Plot“.

Wie nutzen Sie Delta-He in der Routine?

RET-He ist bei den klinisch tätigen Kollegen ein fester Routineparameter. Beim Delta-He müssen wir die Kollegen noch durch Vorträge oder Handouts informieren. Aber ich glaube, dass er eine sehr gute Ergänzung oder sogar Ablösung zu klassischen Akute-Phase-Parametern wie CRP oder PCT (Procalcitonin) bei Sepsisverdacht werden kann, wenn man ihn in Kombination mit weiteren Markern nutzt. Wir und andere Gruppen haben Studien durchgeführt, in denen verschiedene der neuen zellbasierten hämatologischen Marker miteinander kombiniert wurden. Dabei wurde festgestellt, dass mit Delta-He und weiteren Parametern eine systemische bakterielle Infektion sehr frühzeitig detektiert werden kann, da diese Parameter schneller reagieren als CRP und PCT. Zukünftig könnte man dadurch einen diagnostischen Zugewinn haben und erkennen, ob eine Therapie anspringt oder nicht.

Summary

  • Delta-He ist die Differenz zwischen dem Hämoglobingehalt der neu gebildeten Retikulozyten (RET-He) und dem der reifen Erythrozyten (RBC-He)
  • Der Parameter Delta-He kann die Diagnose systemischer bakterieller Infektionen zusammen mit weiteren Parametern beschleunigen.

 

Interview Ramona El Fatmi

Fotoquelle: Lene Münch

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