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"Medizin ist nie Ja/Nein"

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2019

 

Prof. Dr. med. Martin Fiedler, Ärztlicher Direktor des Inselspitals Bern, vertritt im xtra-Gespräch sehr pointierte Ansichten über die Zukunft der Labormedizin

Text: Stephan Wilk

Herr Prof. Fiedler, Sie sind Ärztlicher Direktor im ältesten Spital der Schweiz. Wie sah Ihr beruflicher Weg dorthin aus?
Von Haus aus bin ich Internist und Nephrologe. Ich war zehn Jahre in der Inneren Medizin und Nephrologie tätig und habe damit klassisch am Bett gearbeitet. Dann bin ich nach Leipzig gegangen und habe mich in die Labormedizin eingearbeitet. Die positive Erfahrung aus dieser „Fusion“ wollte ich in Bern nutzen, um Dinge zeitgemäß weiterzuentwickeln.

Was fanden Sie in Bern vor?
Als ich vor achteinhalb Jahren ankam, gab es die klassische Struktur der Labormedizin: ein Institut für Klinische Chemie, eines für Immunologie und eines für Hämatologie. Ich war Direktor des Instituts für Klinische Chemie, und es gab noch zwei weitere Direktoren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man mit der Herausforderung konfrontiert wurde: Wie kriegt man so ein Konglomerat unter ein Dach? Im Jahr 2014 haben wir dann beschlossen, ein „Zentrum für Labormedizin“ (ZLM) zu gründen. Heute bin ich Leiter dieses neuen Zentrums, das Klinische Chemie, Immunologie und Hämatologie umfasst. Die Akademiker werden von den drei Fachdisziplinen gestellt, der organisatorisch- prozessuale Anteil wird von einem Leitungsteam gemanagt. Dazu habe ich noch zwei weitere Aufgaben, als Direktor des Universitätsinstituts für Klinische Chemie und als Ärztlicher Direktor des gesamten Inspelspitals mit über 10.000 Mitarbeitenden.

Wie viele Proben untersucht das ZLM am Tag?
Circa 4500 Proben, das heißt Blutentnahmen, und natürlich ein Vielfaches an Analysen, die daraus hervorgehen. Das Inselspital ist seit 2016 Bestandteil der Insel Gruppe. Die Gruppe hat noch fünf andere Spitäler, deren Laborversorgung vom Zentrum für Labormedizin gemanagt wird.

Das ZLM steht auch für die Zusammenführung von Forschung und     Diagnostik …
Aus der Initiative hat sich viel entwickelt. Das ZLM ist heute ein wichtiger Treiber der Forschung am Standort. Als einer der ersten Schritte haben wir in die Massenspektronomie investiert, um sie für Klinik UND Forschung zu nutzen. Zusätzlich verfügen wir über die größte klinische Biobank der Schweiz und haben ein „Clinical Genomic Lab“ aufgebaut. Es ist verantwortlich für alle molekulardiagnostischen Analysen aus den Bereichen Labormedizin, Humangenetik und Pathologie.

Kommen hier viele Daten zusammen?
Wir haben letztes Jahr das „Insel Data Science Center“ gegründet, um sämtliche Daten, die in der Klinik und Diagnostik anfallen, nutzbar zu machen. Seit Neuestem gibt es noch das „Center for Precision Medicine“ mit dem Ziel, Patienten die richtige Therapie zur richtigen Zeit anzubieten – das ist die Medizin der Zukunft.

Wirkt die „Fusion“ innerhalb der Labormedizin beispielhaft für das gesamte Inselspital? 
Durchaus, wir sind gerade dabei, das gesamte Spital neu zu organisieren. Eine organisatorische Aufteilung in einzelne Kliniken und Institute ist nicht mehr zeitgemäß. Damit sind wir in der Schweiz die Ersten, die Labordiagnostik und Bildgebung in einen Medizinbereich zusammenbringen. Man meint immer, Bern sei langsam, aber das stimmt nicht.

Wie managen Sie Innovation in einem eher konservativen Umfeld?
Das Inselspital ist das älteste Unternehmen in der Schweiz, 1354 gegründet. Wenn ich in einem hochkonservativen Umfeld digitalisieren will, was muss ich tun? Zwei Dinge: die Struktur verändern, also eine neue Hülle gestalten, und innerhalb der Hülle die Organisation verändern. Dann kann ich mit Innovationen beginnen. Wir bauen gerade das Inselspital teilweise um und teilweise neu und werden dann mit der Digitalisierung reingehen.

„Wir werden immer mehr Customer Driven Diagnostics bekommen. Die Diagnostik wird so nahe wie möglich an den  Patienten gebracht werden“

Ist die Welt des Diagnostik-Labors heute einem stärkeren Wandel unterworfen als vor zehn Jahren?
Es wird jetzt einen rasanten Wandel geben. Wir hatten vor zehn Jahren den typischen Effekt der Industrialisierung. Es entstand ein Wettbewerb zu automatisieren. Dabei hat man aber nicht bedacht, dass es auch zu einer Ökonomisierung des Fachs kam. Viele, selbst große Spitäler hatten nicht mehr den intrinsischen Mehrwert der Labordiagnostik im Auge und begannen, die Leistungen outzusourcen. Maßgabe war, die Kosten niedrig zu halten.

Sie sprechen schon in der Vergangenheit?
Ich denke, dass wir in 20 Jahren den gegenteiligen Effekt haben. Großlabore werden weniger, und die Diagnostik wird so nahe wie möglich an den Patienten gebracht. Wir haben heute schon die Miniaturisierung der Geräte. Sie können mit Kleinstgeräten komplexe Analysen patientennah durchführen.

Wie soll die Labormedizin mit der neuen Situation umgehen?
Sie muss zunächst aufpassen, die Hoheit über die Daten zu behalten, und das Fach bleiben, das sich mit den Inhalten der Daten auskennt. Wir haben einige Mitarbeiter, die nichts anderes tun, als sich damit auseinanderzusetzen, wie man in Zukunft mit Daten umgeht. Keine Frage, die Digitalisierung wird die Labormedizin radikal verändern. Dieser Entwicklung sehe ich positiv entgegen. Wenn ich das auf Kongressen sage, wird das oft Automatisierte Probenvearbeitung im Inselspital Bern nicht gern gehört.

Die Digitalisierung ist im Labor angekommen. Was bedeutet das für Labore, Kliniker und Patienten? 
Die Digitalisierung ist eben NICHT angekommen. Das ist das Problem! Sie wird kommen, aber sie ist noch nicht da. Das Umfeld hat sich radikal verändert. Bisher kamen medizintechnologische Entwicklungen aus medizintechnologischen Unternehmen. Heute sind sie es nicht mehr alleine. Wer macht etwa die Medical Smartwatches? Die, die in den letzten Jahren die Digitalisierung vorangetrieben haben: Apple, Google, Amazon. Wenn wir nicht aufpassen, findet die Entwicklung außerhalb der Medizin statt. Ein persönliches Beispiel: Ich wollte zum Joggen eine Smartwatch, die die Herzvariabilität misst, und bin auf ein Modell gestoßen, das die Daten an Amazon schickt. Und deren Auswertung ist nicht so schlecht!

Aber muss der Laie nicht doch wieder zu Ihnen gehen, um sich die Daten erklären zu lassen? 
Die Chance besteht darin, diese Daten für die Patienten verständlich und interpretierbar zu machen. Dieses Feld muss ich als Labormedizin besetzen – falls ich das verpasse und mich auch zukünftig „nur“ auf die Analytik und deren Präzision und Effizienz fokussiere, wird diese Leistung in Zukunft von Google & Co. angeboten werden.

Was machen die „Digitalen“ anders?
 Wir hatten neulich den Chef von Apple Health hier, wir sprachen darüber, wie Apple die Digitalisierung in Spitälern angeht. Die geben dem Patienten erst mal ein iPad und fragen, was er wissen möchte. Damit schaffen sie eine emotionale Bindung und beschleunigen den Trend zu immer mehr „Customer Driven Diagnostics“. Der Patient steht im Mittelpunkt.

… und er erhebt seine Werte selbst! 
Wenn ich langfristig jeden Tag Daten von mir messe, ist der Mehrwert größer, als wenn ich einmal alle zwei Jahre zum Arzt gehe. Wenn ich das richtige Setting an Daten und Vitalfunktionen zusammenstelle, habe ich heute schon ein feines Sensorium, ob da irgendwo was in mir im Gange ist.

Sie arbeiten auch mit Biobanken. Welche Wirkungen können sie auf die Forschung haben? 
Mannigfaltige! In der Vergangenheit hatte man eine Forschungsidee, musste den Antrag schreiben, Patienten suchen, Proben sammeln – und nach drei Jahren konnte das erste Experiment beginnen. Wenn wir es hinbekämen, in der Schweiz an den großen Kliniken Biobanken zu haben, die miteinander verknüpft sind, müsste man nur noch sagen: Ich habe einen neuen Marker für diese Erkrankung, wo gibt es Proben, an denen ich das evaluieren könnte. Biobanken können die Forschung beschleunigen und kostengünstiger machen.

Wandelt sich das Labor zu einer Datenfabrik?
Ich hoffe es, weil ich in Big Data die Chance für das Fach sehe. Die Labormedizin hat die Technologien: die Molekulardiagnostik, genomische Diagnostik, wir haben die Durchflusszytometrie und die Massenspektometrie. So kann Diagnostik richtig spannend werden!

Also ist noch nicht alles verloren …
Im Moment hat die Labormedizin immer noch einen großen Vorteil: Wir sind am Patienten, Silicon Valley ist es momentan nicht.

IBM hat mit Watson so einen Weg beschritten, aber der hat wohl nicht so richtig funktioniert?
Der Algorithmus der Industrie ist nicht eins zu eins auf die Medizin und deren Herausforderungen übertragbar. Für die Analyse solcher Daten braucht man biologisch oder medizinisch geschulte Personen. Medizin ist nie ja/nein. Ich halte mich da an William Osler, den kanadischen Medizinhistoriker: „Medicine is a science of uncertainty and an art of probability.“

Summary

  • Die Fusion von Labordiagnostik und Forschung war im Inselspital Bern die Initialzündung für eine gesamthafte, erfolgreiche Umstrukturierung
  • Die Digitalisierung ist im Labor noch nicht angekommen, zunehmend drängen Datenunternehmen in die Diagnostik. Die Labormedizin muss aufpassen, die Deutungshoheit über erhobene Gesundheitsdaten zu behalten

 

Foto: Thomas Eugster

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